Alter Bridge

Alter Bridge

Die Veröffentlichung eines selbstbetitelten Albums nach über zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft deutet meist darauf hin, dass Künstler:innen ein Werk vorlegen, das ihre Essenz widerspiegelt. Mit ihrem achten Studioalbum gehen Alter Bridge genau diesen Weg. „Es ist Selbstverwirklichung“, sagt Gitarrist und Sänger Myles Kennedy gegenüber Apple Music. „Wir stehen zu dem, wer wir sind und was wir seit über 20 Jahren tun. Wir erkunden nicht unbedingt neues Terrain, sondern machen einfach das, was sich durch all unsere Alben zieht – und zwar kompromisslos.“ Doch Kennedy und seine Bandkollegen – Gitarrist und Sänger Mark Tremonti, Bassist Brian Marshall und Schlagzeuger Scott Phillips – wollten nicht, dass der Erfolg ihres 2022 erschienenen Albums „Pawns & Kings“ den Schreibprozess beeinflusst. „Wenn man sich von Erwartungen leiten lässt, ist es schwer, den kreativen Fluss aufrechtzuerhalten“, sagt Kennedy. „Also versuche ich, Abstand zu nehmen und mich nicht ablenken zu lassen. So bleibe ich offen und kann auf das Universum hören.“ In diesem Fall sagte es ihm, er solle politische und persönliche Spannungen umgehen, die uns alle betreffen. „Wie vermeidet man es, in ein Drama oder ein toxisches Umfeld hineingezogen zu werden?“, fragt er. „Das Motiv, sich zurückzuziehen und wegzugehen, taucht immer wieder auf. Aber es ist leichter gesagt als getan.“ Im Folgenden erzählt Kennedy mehr über jeden Track des Albums. „Silent Divide“ Dieses Riff lag schon eine Weile herum, und ich habe dann eine grobe Demoaufnahme davon gemacht. Mark gefiel es gut, und als wir es der Band vorgespielt haben, wurde es zu diesem tollen Arrangement, auf das ich sehr stolz bin. Es ist eine gute Einleitung für das Album. Es zeigt, dass Stille eine Waffe ist: Wenn dich jemand provozieren will, dann reagiere nicht. Lass dich nicht darauf ein. Geh einfach weg. So geht man am besten damit um. „Rue the Day“ Der Text greift im Grunde genau das auf, worüber wir gerade gesprochen haben. Wenn du dich entscheidest, diese Welt zu betreten, wirst du den Tag verfluchen. Du wirst es bereuen. Es ist komisch, weil wir die Reihenfolge so nicht geplant hatten. Ich habe bis jetzt nie darüber nachgedacht, wie es die Erzählung aus dem ersten Song fortführt. Musikalisch war es eine Demoaufnahme, die von Mark kam. Das ist eines dieser Riffs, die dir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Es wird Spaß machen, das Ganze live zu spielen. „Power Down“ Hier begann alles mit einem Riff, das ich schrieb, nachdem wir eine hohe Rechnung für unsere Heizung und Klimaanlage bekommen hatten. Ich war frustriert. Als das Riff fertig war, saß ich auf dem Sofa und schrieb „Verdammter Heizungskessel“ daneben – so wusste ich, dass ich darauf zurückkommen würde. Ich dachte mir so: „Wo ist das verdammte Heizungskessel-Riff?“ Im Text geht es darum, innezuhalten und an den Rosen zu riechen. Gleichzeitig lässt sich das auch darauf übertragen, einfach mal das Handy wegzulegen. Das versuche ich jetzt schon eine ganze Weile, und es macht einen großen Unterschied. Sehr empfehlenswert. „Trust in Me“ Das ist wieder eines unserer Lieder, bei dem sowohl Mark als auch ich singen – inzwischen ein Markenzeichen von uns. Ich übernehme die Strophen, er den Refrain. Als Sänger ist das super, weil ich mir eine kleine Pause im Set gönnen kann. Mark hat sich zu einem großartigen Sänger entwickelt. Und wenn man ihn fragt, würde er wahrscheinlich sagen, dass er das Singen mehr liebt als alles andere. Ich spiele lieber Gitarre, als zu singen. Das Gras ist eben immer grüner auf der anderen Seite. „Disregarded“ Der Text handelt davon, sich ausgegrenzt oder abgewertet zu fühlen – eine Art Hymne für dieses Gefühl. Wir kennen es alle. Der Song hat einen ungewöhnlichen Vibe, der perfekt funktioniert. Er hat etwas Eindringliches an sich, was mir persönlich besonders gefällt. Ich bin richtig zufrieden mit dem Refrain. Er gehört definitiv zu meinen Favoriten auf dem Album. „Tested and Able“ Mark hatte den Song ursprünglich für sein Tremonti-Projekt geschrieben. Im letzten Moment hat er ihn aber doch vom Album genommen, denn er fand den Refrain zu schwach, mochte aber das Riff und die Strophe. Also schickte er ihn mir, wir trafen uns im Proberaum, und so entstand der Song. Mich erinnert er an diesen typischen Heavy Metal-Morsecode [stakkatoartige Gitarrenriffs] der modernen Heavy Music. Ich höre da auch ein wenig Sevendust durch, und live wird das definitiv ein Highlight, das das Publikum zum Headbangen bringt. „What Lies Within“ Hier geht es um Menschen, die sich ein Image aufbauen. Sie präsentieren sich auf eine bestimmte Weise, aber es gibt auch eine andere Seite – nämlich wer sie wirklich sind. Die entscheidende Frage ist, wie man damit umgeht und sich in dieser Dynamik zurechtfindet. „Hang by a Thread“ Das Intro, die Strophe und der Pre-Chorus sind Elemente, auf die ich gestoßen bin, als ich an meinem letzten Soloalbum „The Art of Letting Go“ gearbeitet habe. Es gab noch keinen großen Refrain, und ich hatte das Gefühl, dass der Song besser zu Alter Bridge passen würde. Also habe ich ihn aufbewahrt. Ich bin froh darüber, denn als wir im Studio zusammenkamen, hat es den Song wirklich aufgewertet. Da ich das offene G‑Tuning nutze, erinnert der Song ein wenig an „Watch Over You“ von Blackbird und „Wonderful Life“ aus „AB III“. Es ist unglaublich, wie das Stimmen einer Gitarre den Sound verändern kann. Das habe ich von Größen wie Jimmy Page, Chris Whitley und meinem Freund Ian Thornley von Big Wreck gelernt. Nichts geht über besonders gestimmte Instrumente. „Scales Are Falling“ Auch dieser Song begann als Demo von Mark – und ich glaube, es war die erste Demoaufnahme von ihm, die ich gehört habe. Als US-Amerikaner kannte ich den Ausdruck „the scales fell from my eyes“ noch nicht, aber ich hatte ihn vor Jahren im britischen Fernsehen gehört. Ich wusste, dass es darum geht, die Realität einer Situation plötzlich klar zu erkennen, und ich fand, das wäre ein spannender Ansatz für einen Song. In gewisser Weise erinnert der Track an „What Lies Within“: Etwas kann auf eine bestimmte Weise dargestellt werden, während die Realität viel dunkler ist. „Playing Aces“ Meine Lieblingsriffs sind meistens die, die mich beim Schreiben frustrieren. Letztes Jahr waren wir irgendwo in Deutschland, und plötzlich fiel der Strom aus. Ich saß im Hotelzimmer, es war dunkel, ich war hungrig – und genau da kam ich auf dieses Riff. Gut, dass an dem Tag der Strom ausgefallen ist. Die Story dieses Songs unterscheidet sich von allen anderen auf dem Album. Sie greift eines der Themen auf, die sich durch frühere Alter Bridge-Alben ziehen: auf sich selbst zu vertrauen. Das Riff klingt wie die perfekte Begleitung für diese Art von Song. „What Are You Waiting For“ Dies ist einer meiner Lieblingstracks von Mark. Ich liebe dieses Riff, es ist einfach intensiv und wütend. Von allen Songs geht dieser hier besonders aggressiv nach vorne. Der Text greift das Thema auf, über das wir vorhin gesprochen haben: Wie geht man damit um, wenn man provoziert wird? Der Refrain klingt zuerst fast so, als würde man jemanden zum Kampf herausfordern. Aber die letzte Zeile lautet dann: „But I choose to disengage.“ („Aber ich entscheide mich, Abstand zu nehmen.“) Genau das zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. „Slave to Master“ Die Anfänge dieses Songs reichen wahrscheinlich bis ins Jahr 2018 zurück. Es hat also sieben Jahre gedauert, ihn zu schreiben. Ich wusste sofort, dass er perfekt zu Alter Bridge passen würde. Aber die restlichen Parts habe ich erst Mitte letzten Jahres ausgearbeitet. Dann hatte Mark noch weitere Abschnitte, und wir haben alles zusammengefügt. Deshalb ist der Song neun Minuten lang – im Grunde sind es zwei Songs in einem. Der Text handelt davon, wie Technologie die Welt verändert. Es ist ein Thema, das viele Leute beschäftigt, weil wir uns alle fragen, wohin das führt. Ich freue mich darauf, den Song live zu spielen, wenn Mark und ich diese fast schon unverschämt langen Gitarrensoli runterreißen.