Unsere Anmerkungen Die Zeichen der Zeit stehen nun auch endlich auf Seiten von The Chicks. Mit „Gaslighter“, dem ersten Album seit 14 Jahren, hat das zuvor noch als The Dixie Chicks bekannte Trio seinen Platz im derzeitigen Aktivismus gefunden. 17 Jahre ist es nun her, seitdem Lead-Sängerin Natalie Maines an der Seite der Schwestern Emily Strayer und Martie Maguire nicht nur den Grossteil ihrer Fans, sondern auch die Unterstützung der Country-Industrie riskierte, als sie gegen George W. Bush und dessen angeordnete Irak-Invasion wetterte – die kontroverse Einstelllung war insbesondere für ihre konservativere Fanbasis zu viel. Ihre letzte LP, „Taking the Long Way“ aus dem Jahr 2006, gewann nichtsdestotrotz fünf GRAMMYs und sendete eine klare Botschaft in Richtung Politik, wohingegen die Anerkennung aus Nashville ausblieb. Jetzt, nachdem sie sich mit Jack Antonoff (u.a. Produzent für Taylor Swift und Lorde) und Songwriting-Superstars wie Justin Tranter, Julia Michaels oder Teddy Geiger zusammengetan haben, wird deutlich, dass The Chicks immer noch nicht bereit sind, sich allzu nett zu geben und klar sagen, was sie denken.

Der aufrührende und titelgebende Eröffnungstrack ist dann auch direkt ein musikalischer Laufpass in bester Chicks-Manier, der gleichermassen an einen eifersüchtigen Ex oder den aktuellen US-Präsidenten gerichtet sein könnte. „March March“ wurde durch eine politische Grosskundgebung inspiriert, an der alle drei Musikerinnen mit ihren Familien teilnahmen, wobei jedoch besonders das dazugehörige Video eine zeitgemässe Parallele zwischen der selbstermächtigenden Power des Songs und den diesjährigen Black Lives Matter-Protesten herstellt. Der Rest des Albums hält die Vorliebe zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Politik aufrecht, bietet aber auch universale Hoffnungs- und Selbsthilfe-Botschaften, die sich nicht nur an die Kinder („Julianna Calm Down“) oder Ex-Männer („Tights on My Boat“) der Bandmitglieder, sondern auch an sich selbst („For Her“) richten. Mit Apple Music haben The Chicks über ihren aktuellen Schaffensprozess gesprochen und dabei die ein oder andere Inspiration der denkwürdigsten Songs auf dem neuen Album gelüftet.

Gaslighter
Natalie Maines: „Das war der erste Song, den wir mit Jack Antonoff geschrieben haben, der auch den Grossteil des Albums produziert hat. Ich weiss noch, wie ich mit dem Wort ‚Gaslighter‘ und ein paar Zeilen aus meinem Notebook reinkam und über Gaslighting schreiben wollte, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass Jack daran dachte, hieraus direkt den Refrain zu schustern.“
Martie Maguire: „Ich weiss noch, dass er von dem Wort echt angetan war, du aber erst mal erklären musstest, was es bedeutet. Ich war definitiv sofort beeindruckt von ihm. Er fing einfach an zu spielen und dieses Wort zu singen, ehe er uns aufnehmen liess. Als wir dann mit der Aufnahme anfingen, waren wir nach gerade mal fünf Minuten fertig.“
NM: „Das wurde dann der Titeltrack, weil die meisten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner vor ein paar Jahren noch überhaupt nicht wussten, was es bedeutet. Wir haben nie über einen anderen Titel nachgedacht, weil es sich durch Donald Trump ja auch regelrecht zum Schlagwort aufgeschwungen hat. Es kam uns einfach perfekt vor, denn es fängt ganz genau die Zeit ein, in der wir uns befinden.“

Texas Man
NM: „War das nicht, als Julia Michaels zu mir nach Hause kam und hier bloss mit einer Kassette rumsass? Sie hat eine sehr interessante Herangehensweise, wenn es darum geht, Melodien aufzunehmen. Wir sind das Tape einfach durchgegangen und haben sie machen lassen. Die erste halbe Stunde hat sie dann erst mal ausschliesslich improvisiert.“

Emily Strayer: „Wisst ihr noch, als wir den Song eingesungen haben? Das war buchstäblich das allerkleinste Kämmerchen.“
NM: „Mein Wandschrank!“
MM: „Im Song geht’s um Natalie. Wir wollten unbedingt, dass sie wieder ihren Groove findet. Bisher ist das noch nicht passiert, aber vielleicht wird es die Energie dieses Songs bewirken.“
For Her
ES: „Im Song geht es darum, zu seinem jüngeren Ich zu sprechen und diesem ein bisschen Weisheit mit auf den Weg zu geben. Er wurde mit Ariel Rechtshaid und Sarah Aarons geschrieben. Wir waren mit Songwriterinnen und Songwritern in diesem Raum, ein wirklich düsteres und schäbiges Studio. Ich fing an, mich richtig erschöpft zu fühlen. Es war alles so altbacken und bedrückend. Hat Michael Jackson dort nicht ‚Thriller‘ aufgenommen? Er hatte hier eine Kabine samt kleinem Fenster für Bubbles bauen lassen. Man konnte sich richtig vorstellen, wie der Schimpanse aus dem Fenster blickt. Sarah war so ausgelassen und selbstironisch. Sie bringt einen wirklich ununterbrochen zum Lachen und hat eine so unglaubliche Persönlichkeit. Und dann diese Lyrics – es ist einfach etwas anderes mit einer anderen Frau Lyrics zu schreiben und dabei eine gemeinsame weibliche Perspektive einzunehmen.“
NM: „Hinter ihren Lyrics steckt eine grosse Triebkraft, ganz klar. Wenn sie dann einmal in Fahrt kommt, ist es wie ein Zug, den du nicht stoppen kannst, aber auch gar nicht stoppen willst. Als wir die Session verliessen, hatten wir zahlreiche Möglichkeiten, hielten uns dabei an einige ihrer Lyrics, änderten aber auch ein paar ab, so dass wir auch einen eigenen Teil zum Song beisteuern konnten. Sarah Aarons brauchte uns für diesen Song jedoch ganz bestimmt nicht.“
MM: „Sie war grossartig darin, für Natalies Stimme zu schreiben, weil sie selbst eine so starke, akrobatische Stimme hat. Mit Natalies Stimme können echt nicht viele mithalten, geschweige denn, dass sie so viele Tonfälle beherrschen.“
NM: „Darüber hinaus – und das sage ich nicht, weil ich denke, dass das etwa auf mich zutrifft – liebte ich ihr Gefühl. Sie ist eine wirklich gefühlvolle Sängerin. Es wäre interessant, sich die Originalaufnahmen nochmal anzuhören, denn sie hat in ihrer Stimme und auch in ihrer Ausdrucksweise so viel Soul – davon habe ich mir definitiv eine Scheibe abgeschnitten.“
March March
NM: „Wir gingen mit unseren Kindern zu den ‚March for Our Lives‘-Demonstrationen in Washington. Auf mich hatte das eine so grosse Wirkung. Es war das erste Mal, dass ich bei einer Demo dieser Grössenordnung mit dabei war. Wir waren auch gar nicht als auftretender Act dort, sondern einfach nur Teil der Menge mit unseren Mädels auf unseren Schultern. Daraus haben wir eine Menge Energie bezogen. Wir wollten nicht, dass sich der Song um eine einzelne Demo rankt, weshalb wir in den Versen über grundsätzlich Verschiedenes sprechen, was uns wichtig erscheint.“
ES: „Wir hatten längst über all das nachgedacht und geschrieben, doch die tägliche Berichterstattung nahm uns vorweg, worüber wir schon die ganze Zeit sprachen – ganz egal ob das damals die #MeToo-Bewegung oder eben jetzt die Geschehnisse rund um die Black Lives Matter-Proteste waren. Irgendwie war es Zufall, doch ich glaube auch, dass sich diese Dinge zyklisch wiederholen. Vielleicht wirken sie gerade wie brandheisse News, aber sie waren schon immer da.“
NM: „Du brauchst keine Gruppe um dich herum, wenn du auf der richtigen Seite stehst. Wir wollten Menschen darin bestärken, für das einzustehen, woran sie glauben. Es sei denn, du bist Rassist, dann bleib gefälligst sitzen. [lacht] Stehe für das Richtige ein, handele danach, erhebe deine Stimme, sei eine Ein-Mensch-Armee; du brauchst kein Mitläufer oder Mitläuferin zu sein, solange du ein ausgeprägtes Gespür dafür hast, was das Richtige ist.“
My Best Friend's Weddings
ES: „Es ist meine Hochzeit – Hochzeiten.“
NM: „Genau, alle sagten die ganze Zeit ‚My Best Friend’s Wedding‘ und ich meinte nur so: ‚Nein, weddings.‘ Da stecken auf jeden Fall einige Selbstbekenntnisse drin. Es gibt drei Songs – ‚My Best Friend's Wedding‘ war einer davon –, die wir als die sogenannten Hawaii-Songs betrachten, da wir sie grösstenteils in Kauai geschrieben haben. Wir haben drei Wochen auf Hawaii verbracht, um dieses Album gemeinsam aufzunehmen. Wir sind vom Studio aus direkt zu mir nach Hause gegangen, wodurch es für jeden von uns auch zu einem kleinen Familienurlaub wurde. Das hat richtig Spass gemacht, und es gibt Songs mit Ukulelen, bei denen du – falls du Kopfhörer trägst – Vögel zwitschern, Wellen und sogar einen Hahn hörst.“
Julianna Calm Down
MM: „Ich sag einfach mal, dass dies ein Track ist, von dem Julia selbst nicht wusste, ob sie ihn nicht lieber für sich behalten wollte. Doch als wir ihn erst einmal gehört hatten, haben wir uns direkt darauf gestürzt. Ohne dass Julia davon wusste, ist Natalie nach Hause gegangen und hat sämtliche Verse umgeschrieben, damit sie von unserem engsten Familienkreis handeln würden, unseren Nichten und unseren Cousinen. Im Ursprung hiess der Song ‚Julia Come Down‘ – es ist sie selbst, die über das Atmen spricht, einen kurzen Moment innehält und erkennt, dass alles gar nicht so schlimm ist. Doch Nat hat das alles auf den Kopf gestellt, um daraus einen Ratgeber-Song für unsere Mädels und unsere Nichten zu machen.“
NM: „Als Jack ihr erzählte, dass wir den Song umgeschrieben hatten und fragte, ob wir ihn verwenden konnten, sagte sie bloss: ‚Na klar, sie können die Verse und die Bridge kriegen. Aber den Refrain behalte und überarbeite ich.‘ Da dachte ich mir nur: ‚Nein, nein, nein!‘ Wir haben ihr den Song tatsächlich abgeluchst.“

TITEL
Gaslighter
1
3:23
 
Sleep at Night
2
3:12
 
Texas Man
3
3:44
 
Everybody Loves You
4
3:38
 
For Her
5
5:26
 
March March
6
3:53
 
My Best Friend's Weddings
7
4:18
 
Tights On My Boat
8
3:02
 
Julianna Calm Down
9
4:46
 
Young Man
10
4:09
 
Hope It's Something Good
11
4:05
 
Set Me Free
12
3:18
 

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